Als Manfred von Richthofen zum letztenmal vor seinem Tode Schweidnitz - nicht seine Geburts-, wohl aber seine Heimatstadt - besuchte, wurde ihm vom Magistrat auch ein Blumenkorb überreicht, den eine kleine Eiche schmückte. Er sprach den Wunsch aus, dieses Bäumchen in den Anlagen einzupflanzen. Da es sich aber nicht recht entwickelte, setzte man im Frühjahr 1918 eine schon etwas größere Eiche am Eingang zur Kaiserpromenade. Der später daneben aufgestellte schlichte Findling mit dem Namen des Kampffliegers liegt noch heute unbeachtet in den Anlagen. Als 1924 das Garnisondenkmal am Schederspringbrunnen errichtet wurde, stellte es in seiner monumentalen Gestaltung die bescheidene Richthofen-Gedenkstätte doch zu sehr in den Schatten. Schon 1927 findet sich ein Hinweis in einer Schweidnitzer Zeitung, man müsse den Gedenkstein höher legen. Amerikanische Flieger hätten ihn vergeblich gesucht. So entstand der Plan, zum zehnjährigen Gedenken an Manfreds Tod im Jahre 1928 eine würdigere Ehrenstätte zu errichten.
Die treibende Kraft war die Schweidnitzer Ortsgruppe des »Bundes deutscher Flieger und Flugfreunde«, Vorsitzender des Arbeitsausschusses Ingenieur Becker. Nicht ein Denkmal herkömmlicher Art von denen Schweidnitz ja schon eine Menge besaß sollte entstehen, sondern eine Art Thingstätte unter der
symbolträchtigen deutschen Eiche. Der Platz sollte möglichst nahe an der ursprünglichen Gedenkstätte liegen –
damit auch in der Nähe der Richthofen-Villa.
Die Stadt stellte ihn, gegenüber dem Max-Heinzel-Denkmal, in der Kaiserpromenade kostenlos zur Verfügung.
Den Entwurf für die Anlage lieferte Gartenbauinspektor Karge in Zusammenarbeit mit dem Architekten Fritz Zimmermann; die Bauausführung lag in der Hand der Firma Glück & Schulz, die Steine stammten von den Schlesischen Granitwerken AG Kramer & Co. in Jauer. Die Gedenktafel mit dem Portrait des Fliegerhelden schuf Bildhauer Schulz aus Breslau.
Einer zeitgenössischen Darstellung entnehme ich folgende (gekürzte) Schilderung der Anlage: Beim Betreten eröffnet sich dem Beschauer zunächst der Ehrenhof, mit der Richthofeneiche in der Mitte stehend. Die Eiche wurde im vergangenen Winter mit Frostballen hierher angepflanzt. Der Eingang zum Ehrenhof wird durch zwei massige Mauerblöcke flankiert, welche die Führung geben und zur unteren Platzfläche mit zwei Stufen vermitteln. Die für den Ehrenhof gewünschte Raumwirkung erreichte man durch die Umfriedung des Platzes mit einer achtzig Zentimeter hohen Bruchsteinmauer. Der Mauer ist eine ein Meter breite Rabatte, mit Juniperusbäumchen und Immergrün bepflanzt, vorgelagert. Die Platzfläche selbst ist mit rohen Granitbruchsteinplatten belegt, um somit zwischen Körper und Fläche einen organischen Zusammenhang zu schaffen. Die aufgestellten Steinbänke laden zu trautem Verweilen ein. Durch die Schaffung eines erhöhten Podestes hat man von hier den herrlichen Blick auf die der Gedächtnisstätte vorgelagerte Schmuckanlage.
Wir verlassen den Ehrenhof und betreten die Stufen, die zu der dem Denkmal vorgelagerten sechs Meter breiten Terrasse hinabführen. Die Gesamtfront mit der Widmungstafel gibt der Gedächtnisstätte eine starke Betonung. Durch die vier kubischen Pfeiler von 2,20 Meter Höhe, die die Zugänge flankieren, erhält sie ein ganz besonders markantes Gepräge. Das gesamte Steinmaterial ist in Mörtel gesetzt, die äußeren Fugen sind jedoch mit Erdreich ausgestrichen, um Steinpflanzen und Moos aufzunehmen.
Die bis hierher besprochene Ehrenstätte wird umschlossen von zwei Wegen mit ihren Begleitmauern, um die innere Anlage noch einmal zusammenzufassen. Die vorhandenen Höhenunterschiede des Terrains wurden für die Gestaltung der Anlage ausgenutzt. Eine besondere Verschönerung ist durch den pflanzlichen Schmuck geschaffen worden. Massige Rhododendronpflanzungen umrahmen die Anlage. Die reiche Verwendung von Mauer- und Felsenpflanzungen, in den Fugen des Mauerwerks wurzelnd, lassen den Stein zum Leben erstehen, und so wird die Gedächtnisstätte zu dem werden, als was sie gedacht ist, nicht den Tod, sondern das Leben darstellend. Soweit der Zeitungsbericht von 1928.
Die Einweihung sollte eigentlich am 21. April, dem Todestag Manfreds, stattfinden, doch verzögerte sich die Fertigstellung um vier Monate bis Ende August. Bei strahlendem Wetter wurde der Weiheakt zu einer würdigen Feier. »Auf den Zugangsstraßen zur Promenade an der Striegauer Straße entwickelte sich in den Vormittagsstunden ein riesiger Verkehr. Vereine und Fahnenabordnungen, sowie eine Ehrenkompanie der Reichswehr, Chargierte in Wichs, zahlreiche Ehrengäste und eine riesige Zuschauermenge hatten sich eingefunden. Vor der Gedächtnisstätte marschierten die Chargierten der akademischen Fliegerschaften aus Breslau, sowie eine gleiche akademische Verbindung aus Halle auf. Gegenüber dem anderen Ende des Platzes, vor dem Heinzel-Denkmal, hatte die Ehrenkompanie der Reichswehr Aufstellung genommen. Den großen Rasenplatz, der auch völlig umgestaltet wurde, umrahmten die Abordnungen der Vereine, Vertreter der Behörden, zahlreiche Ehrengäste und die Zuschauer.« Unter den Klängen des Präsentiermarsches marschierten über 40 Abordnungen mit Fahnen und Wimpeln auf.
Die Reichswehrkapelle unter Obermusikmeister Schöber eröffnete die Feier mit dem Trauermarsch aus Beethovens »Eroica«, ein Männerchor der Schweidnitzer Sängerschaft mit dem Lied »Ich kenn’ ein' hellen Edelstein«. Die Weiherede hielt Hauptmann Freiherr v. Boenigk, der Kommandeur eines ehemaligen Jagdgeschwaders, der das Leben des Gefallenen nachzeichnete und seine Persönlichkeit »in ihrer Schlichtheit und Treue« als Vorbild kommender Generationen hinstellte. Nach dem Gesang des Deutschlandliedes enthüllte die Schwester Manfreds, Elisabeth v. Reibnitz, die Gedenktafel, während die Kapelle das Lied vom guten Kameraden spielte. Der Vorsitzende des Arbeitsausschusses übergab dann die Gedenkstätte in die Obhut der Stadt Schweidnitz, die Bürgermeister Dr. Peikert für den schon länger erkrankten Oberbürgermeister Cassebaum vertrat.
Während der ganzen Feier kreiste ein bewimpeltes rotes Flugzeug über der Promenade, aus dem schließlich ein Kranz abgeworfen wurde. Groß war die Zahl prächtiger Kränze, die an der Ehrenstätte niedergelegt wurden. Die Feier endete mit dem Chorlied „Wo gen Himmel Eichen ragen«, das 1918 von Hans Heinrichs im Felde komponiert worden war.
Heute zeugen nur noch traurige Überreste von jener gepflegten Gedächtnisstätte, von der ein Schweidnitzer 1928 hoffte: »So soll dieser Ehrenhof eine Stätte der Sammlung sein und des Gedenkens an unseren Fliegerhelden und an alle, die mit ihm im Kampfe um unsere heiligen Güter starben. So soll die Eiche als das Symbol deutscher Kraft und Stärke, in späteren Jahren mit ihren knorrigen Ästen den Platz beschattend, zu einem Wahrzeichen für spätere Generationen werden, wie auch wir heute die Schöpfung unserer Vorfahren ehren und würdigen.«
Die Schweidnitzer sind in alle Winde verstreut. Viele haben diese Welt bereits verlassen. Manfred Freiherr von Richthofen, der »Rote Kampfflieger«, scheint in England und in den USA bekannter zu sein als in der breiten deutschen Öffentlichkeit. Er hat seine dritte, nun wohl endgültige Ruhestätte 1975 in Wiesbaden an der Seite seiner Mutter gefunden. Sie hatte ihren beiden Söhnen, die den Fliegertod gestorben waren, in der uns allen bekannten Villa an der Striegauer Straße, die dann Manfred-von-Richthofen-Straße hieß, ein Denkmal in dem liebevoll ausgestatteten und bis zum Kriegsende gepflegten Richthofen-Museum gesetzt. Seine Bestände wurden 1945 bei der Besetzung verstreut. Keine Spur ist auch mehr zu finden von den Gräbern, die auf dem Schweidnitzer Garnisonfriedhof an der Waldenburger Straße die sterblichen Überreste des Vaters Albert und des Bruders Lothar bargen. Spaziergänger, die davon nichts mehr wissen, gehen über die eingeebneten Erdhügel.